KTG inside - Risiken und Chancen im Kontext

01.11.2017

Dr. Jens Schröder, Essen, Vorstandsmitglied der KTG

Liebe KTG’ler, liebe atw­-Leser, Erwin Fischer hat in der atw-Ausgabe 8/9  (2017)  an dieser Stelle über „disruptive Entwicklungen“ und die damit einhergehenden Veränderungen und Risiken geschrieben. Hier möchte ich anknüpfen und den Aspekt der Risiken und Chancen im Kontext unseres täglichen Handelns etwas näher beleuchten.

Beginnen möchte ich mit dem Verweis auf die Norm ISO 9001 „Qualitätsmanagementsysteme“.  Eine Neuerung der aktuellen 2015er-Fassung ist, dass dem Risikomanagement und auch den damit einhergehenden Chancen mehr Aufmerksamkeit  gewidmet  wird. Während  Risiken  als „Auswirkungen von Ungewissheit auf ein erwartetes Ereignis“ definiert  werden, stellen folgerichtig Chancen „positive Abweichungen vom Erwarteten“ dar. (Zum Begriff des Risikos und seiner vielfältigen Aspekte existiert umfangreiche Literatur mit  teils widersprüchlichen Sicht-weisen. Ich möchte mich hier schlicht auf die unsere Lebenswirklichkeit betreffende Interpretation als „drohende  Einflussnahme auf den Status quo“ beschränken).

Das vielfach zitierte „disruptive Ereignis“ in Fukushima ist letztlich Teil einer Kette zahlreicher, nicht immer zwangsläufig folgender Ereignisse. Hier seien u. a. der Ausstiegsbeschluss in Deutschland, das „Endlagersuchgesetz“, das „Gesetz zur Neuordnung der Verantwortung in der kerntechnischen Entsorgung“, die Umstrukturierung der Behördenlandschaft und die Gesellschafterwechsel bei einigen Unternehmen/Institutionen genannt. 

Die sehr  nüchterne   Risiko-Definition der ISO 9001 kann natürlich nicht darüber hinweg täuschen, dass die beschriebenen Ereignisse für einzelne, konkret betroffene Institutionen, Unternehmen und Mitarbeiter konkrete Veränderungen – und damit Risiken – mit sich bringen. Zuständigkeiten, Prioritäten, Marktbedarfe und Geschäftsmodelle haben sich teilweise über Nacht geändert,  lang- jährige Perspektiven sind weggebrochen,  Ängste um die Zukunft und den eigenen Arbeitsplatz oder zumindest den Arbeitsort sind plötzlich ein zentrales Thema. Das ist alles sehr menschlich und nachvollziehbar. 

Dennoch sollten wir die mit diesen Veränderungen einhergehenden Chancen nicht übersehen.

Der Neustart der Endlagersuche bietet zumindest die Chance, langjährige  Grabenkämpfe  zu überwinden  und auf einer breiten gesellschaftlich und politisch getragenen Basis endlich eine Lösung für diese wichtige, Generationen übergreifende Aufgabe zu finden. 

In den letzten Monaten sind auf der Entsorgungsseite neue „Player“ entstanden  mit sehr langfristigen Perspektiven und spannenden  Aufgaben. Für die beteiligten Unternehmen, Behörden, Mitarbeiter und die neuen Gesellschafter sicherlich ein „disruptives Ereignis“. Mitarbeiter haben hier aber die Chance, eine neue Heimat zu finden mit einer langfristigen Perspektive. Und mit den vollzogenen Zuständigkeitswechseln besteht auch die Chance, losgelöst von ideologischen Streitigkeiten die drängenden Entsorgungsaufgaben anzugehen

Generell bieten sich für Unternehmen  große Chancen auf dem Entsorgungsmarkt: Ungeachtet der neu geordneten Verantwortlichkeiten stellen Rückbau und Entsorgung einen milliardenschweren Markt dar, der – zweifelsohne im wettbewerblichen  Umfeld – große Chancen für die Marktteilnehmer und deren Mitarbeiter bietet. Die hierbei gewonnenen  Erfahrungen in einem regulatorisch anspruchsvollen Umfeld in Deutschland bieten außerdem  die Chance, dieses Know-how international  zu vermarkten. Generell orientieren sich zahlreiche Marktteilnehmer auch wieder verstärkt international und stoßen oftmals auf Sorgen und Ängste, da Mitarbeiter gewohnte Pfade verlassen, sich mit anderen  Kunden, Einsatzorten, Kulturen und Sprachen auseinander  setzen müssen. Aber auch hier bieten sich wieder Chancen, Neues zu lernen und  die eigenen  Kompetenzen  zu erweitern.  Und nicht nur vermeintlich jüngere Kolleginnen und Kollegen sind oftmals begeistert über die Chance, Projekte im Ausland abzuwickeln, ihre Erfahrungen einzubringen und letztlich auch den eigenen Marktwert zu steigern.

Natürlich verlassen auch Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen die Kerntechnik und wechseln in vermeintlich sicherere oder attraktivere Branchen. Das kann eine Folge der disruptiven Ereignisse sein, hat es aber auch immer schon gegeben. Mit jedem Weggang eines geschätzten Mitarbeiters überwiegt natürlich im ersten Moment die Sorge über das Füllen der entstandenen Lücke. Aber regelmäßig zeigt sich auch, dass Mitarbeiter der zweiten oder dritten Reihe dann die  Chance bekommen und  nutzen, diese Lücke zu füllen und mit neuen Ideen und neuem Elan an die Sache herangehen.

Insofern hat die ISO 9001 Norm nicht unrecht, neben Risiken verstärkt auch damit einhergehende  Chancen zu betrachten. Sehr theoretisch, aber eben doch auch Lebenswirklichkeit.

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