FG Energiesysteme und Energiewirtschaft - Informationen / Positionen
Der Vorstand der Fachgruppe Energiesysteme/Energiewirtschaft hat angeregt, dass die KTG wiederum kritisch zur aktuellen Politik der Bundesregierung in Bezug auf Kernenergie öffentlich Stellung nehmen sollte, und hat den Entwurf einer entsprechenden Stellungnahme erarbeitet.
Ziel ist es, den sich offensichtlich weltweit vollziehenden Prozess einer Renaissance der Kernenergienutzung in der komplizierten nationalen Meinungsbildung führend zu begleiten und zu unterstützen. Dabei darf es nicht um „frühere Irrtümer“ und „alte Rechnungen“ in der Energiepolitik gehen, sondern um eine möglichst reibungsarme und konstruktive Öffnung gegenüber heraufziehenden neuen Anforderungen.
Nachfolgend finden Sie die aktuelle Stellungnahme, die von der Beratung des erweiterten Vorstandes der KTG am 24.05.2004 im Grundsatz gebilligt wurde, mit geringfügigen redaktionellen Änderungen zur Veröffentlichung im Internet, auf der Homepage der KTG.
Dr. Dieter Herrmann (Sprecher der FG-EE)
Stellungnahme der Kerntechnischen Gesellschaft zum aktuellen Verhältnis von Sozial , Wirtschafts- und Kernenergiepolitik in Deutschland
Im Jahr 2003 hat der Vorstand der KTG das Ziel der Agenda 2010 begrüßt, durch Reform der Sozialsysteme die internationale Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Volkswirtschaft zu verbessern. Zugleich wurde aber auf den Widerspruch mit der geltenden Kernenergiepolitik aufmerksam gemacht, die eine weitere Nutzung dieser wichtigen konkurrenzfähigen Primärenergiequelle verbietet und rentabel arbeitende Kernkraftwerke mit gültiger Betriebsgenehmigung vorzeitig stilllegen will. Heute läuft das bestehende Verbot einer staatlichen Forschungsförderung zur Weiterentwicklung der Kernenergienutzung in Deutschland vor allem den aktuellen Bemühungen der Bundesregierung um größere Wachstumsbeiträge durch Forschung und Entwicklung zuwider. Es schadet dem Ansehen des Forschungsstandortes, wenn international anerkannte Technologien politisch aufgegeben und bekämpft werden, an deren Entwicklung Deutschland führend beteiligt war. Nicht zuletzt werden Möglichkeiten vertan, kompetent auf die Entwicklung internationaler Kernenergiesicherheit Einfluss zu nehmen. In absehbarer Zukunft werden auch die energiewirtschaftlichen Folgen der Ausstiegspolitik immer stärker zu spüren sein. Bereits in den letzten Monaten sind die Weltmarktpreise für zahlreiche Rohstoffe und Energieträger wegen der wachsenden Nachfrage einiger Schwellenländer deutlich gestiegen. Der Trend wird sich verfestigen, sobald auch Industrie- und Entwicklungsländer ein stabil höheres Wirtschaftswachstum erreichen. Infolge rasch fortschreitender Automatisierung ist vor allem bei elektrischer Energie im Grundlastbereich mit bedeutenden Bedarfszuwächsen zu rechnen. Nur Kernenergie ist in der Lage, weltweit große Zuwächse zügig, kostengünstig und umweltfreundlich zu decken, und zwar unabhängig von verbrauchernahen Brennstoffvorkommen und/oder geeigneten Transportsystemen. Zugleich sind fossile Brennstoffe, erneuerbare Energien und rationelle Energieverwendung unverzichtbar für Flexibilität und Effizienz konkreter Versorgungslösungen. Neben den sich mehrenden wirtschaftlichen Anzeichen für eine künftige Unverzichtbarkeit der Kernenergie weist wachsendes Interesse vieler Länder auch auf breite Einstellungsveränderungen hin. Politische Glaubwürdigkeit entsteht unter den sich abzeichnenden neuen Bedingungen nicht durch krampfhaftes Festhalten an überlebten Ausstiegsbeschlüssen. Verantwortungsvolle Politik wird auf eine gezielte Weiterentwicklung dieser Energiequelle gerichtet sein, um sie in verändertem Umfeld noch sicherer gegen Mißbrauch und terroristische Übergriffe, aber auch noch effizienter und breiter nutzbar zu machen. Bei der Entsorgung radioaktiver Abfälle sind neben der Komplettierung bisheriger Ansätze in enger internationaler Zusammenarbeit auch prinzipiell neue Wege zu suchen und zu erschließen. Der Vorstand der Kerntechnischen Gesellschaft sieht es als seine Pflicht an, alle politischen Parteien und die Sozialpartner in Deutschland aufzurufen, sich jenen neuen Herausforderungen konstruktiv zu stellen. Der dabei unvermeidliche Meinungsstreit ist zu versachlichen, und jede Instrumentalisierung des Themas zu unterlassen. Erforderlich ist nicht zuletzt eine dem Ernst der Lage angemessene ehrliche Information der Öffentlichkeit.
Manifest Kernenergie - das sind bislang eine Reihe großer Kernkraftwerke mit überwiegend Leichtwasserreaktoren (normales Wasser als Moderator und Kühlmittel), die einen mehr oder minder großen Anteil der elektrischen Grundlast kostengünstig decken. So selbstverständlich das heute ist, so schwierig war der Weg dorthin. Letztlich mussten gangbare Kompromisse gefunden werden, zwischen sich wandelnden Anforderungen der Energieversorgung, sich weiterentwickelnden technisch-wirtschaftlichen Möglichkeiten und z. T. unberechenbaren gesellschaftlich-politischen Rahmenbedingungen. Wesentliche Einflüsse gingen dabei immer vom Energiesystem, speziell von der Entwicklung des Energiebedarfs aus. Heute scheint das Ende der Kernenergie gewiss, zumindest in Deutschland! In einigen anderen Ländern wird aber bereits eine Renaissance der Kernenergie vorbereitet. Wieder wird es darauf ankommen, aus widersprüchlichen Bedingungen heraus einen gangbaren Weg in die Zukunft zu finden. Und noch viel mehr als in der Vergangenheit dürfte die reale Entwicklung des Energiebedarfs dafür bestimmend sein, wohin letztlich "die Reise geht".
Mehr und mehr wird deutlich, dass die vor allem auf Begrenzung und Reduzierung des Energiebedarfs ausgerichtete gegenwärtige Entwicklung nicht in der Lage ist, die widersprüchlichen Probleme von globaler Unterentwicklung und Umweltzerstörung zu lösen. Bei einer weiterhin zunehmenden Weltbevölkerung sowie anhaltendem technologischen Fortschritt werden grundlegende Alternativen nicht nur immer dringender, sondern auch immer besser realisierbar. Dabei müssen qualitativ neue Energiequellen einen weltweit wachsenden Bedarf unabhängig vom jeweiligen Standort zeitnah, qualitätsgerecht und zu wirtschaftlich vergleichbaren Bedingungen decken können. Gleichzeitig muss es möglich sein, die von der Energieversorgung ausgehenden Risken und Umweltbelastungen in Summe drastisch zu reduzieren.
Keine Primärenergiequelle wird solchen Anforderungen umfassend gerecht. Kernenergie kommt ihnen aber bereits heute nicht nur vergleichsweise nahe, sondern sie verfügt absehbar auch als einzige über das Potenzial, bei entsprechender Weiterentwicklung entscheidende Beiträge zu einer derartigen künftigen Energieversorgung im globalen Maßstab leisten zu können. Zahlreiche andere Lösungen, darunter erneuerbare Energien oder modifizierte Nutzungsformen fossiler Brennstoffe, werden für Nischenlösungen sowie für Anpassungs- und Übergangsprozesse noch lange unverzichtbar sein. Und einige von diesen, darunter vor allem Fotovoltaik, verdienen darüber hinaus auch als Langfristalternative zur Kernenergie Beachtung.
Der Fachgruppe "Energiesysteme/Energiewirtschaft" der KTG hatte mit dem Aufbau des gegenwärtigen Kernenergiesystems zunächst ein reiches Betätigungsfeld. Das änderte sich gegen Ende der 1980er Jahre mehr und mehr. Intensive Wirtschaftsentwicklung ermöglichte inzwischen hinreichendes Wachstum bei weitgehend stagnierendem Energiebedarf. Nach dem Preisverfall für Erdöl im Jahr 1986 entfiel auch der Anreiz zur Substitution fossiler Brennstoffe durch Kernenergie. Gleichzeitig ereignete sich der katastrophale Reaktorunfall in Tschernobyl. Alles zusammen führte in der Bundesrepublik Deutschland zu einem faktischen Kernenergiemoratorium.
Unter dem Fehlen einer unausweichlichen kurzfristigen Dringlichkeit der Kernenergie litten auch noch die Anstrengungen zur Reaktivierung der Fachgruppenarbeit im letzten Drittel der 1990er Jahre. So setzte die fällige Liberalisierung des Strommarktes "verborgene" Überkapazitäten frei und konterkarierte u. a. Anstrengungen um einen technologisch wichtigen ersten EPR in Deutschland. Und letztlich gebrach es unter diesen Bedingungen auch allen Versuchen an Kraft und Geschlossenheit, sich erfolgreich gegen einen politisch verordneten Ausstieg aus der Kernenergienutzung in Deutschland zur Wehr zu setzen.
Indem sich im Vorstand der Fachgruppe die Erkenntnis durchsetzte, dass mit baldigen praktischen Entscheidungen zu Gunsten der Kernenergie in Deutschland nicht zu rechnen ist, wurden die Weichen stärker in Richtung der längerfristigen Perspektiven gestellt. Das betrifft einerseits die internationale technische Weiterentwicklung der Kernspaltungsreaktoren als auch die internationalen Initiativen in der Grundlagenforschung zu Partitioning (Abtrennung ausgewählter Radionuklide aus radioaktiven Abfällen zwecks gezielter Weiterbehandlung) und Transmutation (Umwandlung ausgewählter langlebiger Radionuklide durch Kernreaktionen), die Ansatzpunkte für qualitativ neue Lösungen der Entsorgung radioaktiver Abfälle bieten.
Im Ergebnis dieser Erweiterung des Blickwinkels sind inzwischen künftige Entwicklungstendenzen von Strommarkt und Kernreaktoren während einer gut besuchten Fachsitzung zur Jahrestagung Kerntechnik 2001 in Dresden vorgestellt worden - ergänzt durch eine kompetente Vorstellung von Möglichkeiten und Grenzen der Photovoltaik. Die Themen Partitioning und Transmutation werden mit insgesamt zwei Beiträgen auf einer verschiedenen nuklearen Zukunftstechniken gewidmeten Fachsitzung zur Jahrestagung 2004 in Düsseldorf vertreten sein.
Gegenwärtig mehren sich die Anzeichen für grundlegende Veränderungen internationaler Rahmenbedingungen zu Gunsten der Kernenergie. Der Vorstand der Fachgruppe Energiesysteme/Energiewirtschaft sieht es als seine Aufgabe an, solchen Anzeichen nachzugehen, um Trendwenden möglichst zeitnah zu erkennen und deren Wahrnehmung zu unterstützen. Wichtigster Adressat sind dabei die Mitglieder der KTG, denen Denkanstöße gegeben und ein Diskussionsforum geboten werden soll. Ganz in diesem Sinne hat der Vorstand der Fachgruppe kurzfristig zur "Agenda 2010" der Bundesregierung Stellung genommen und auf die Zusammenhänge von Sozial- und Energiepolitik hingewiesen. Diese Stellungnahme ist vom Vorstand der KTG aufgegriffen und nach Ergänzungen zum offiziellen Positionspapier der KTG gemacht worden (siehe Pressemitteilung vom 14.10.2003, in atw 48(2003)11, S. 720-721)
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