Editorial von Dr. Astrid Petersen
- Vorsitzende der Kerntechnischen Gesellschaft e. V. -
atw Heft 12 (2011)
Liebe Leserinnen und Leser,
das zurückliegende Jahr 2011 war sicherlich das herausforderndste Jahr für die Mitglieder seit Gründung der KTG – die Ingenieure und Naturwissenschaftler in der kerntechnischen Wirtschaft, in Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Die überstürzt gefassten politischen Beschlüsse in Deutschland nach dem Unfall von Fukushima sind weit über unsere Reihen hinaus auf Unverständnis gestoßen. Die KTG hat ihre Empörung darüber in den Medien, durch verschiedenste Aktionen der Jungen Generation sowie eine große Protestaktion vor dem Bundeskanzleramt und in unzähligen persönlichen Gesprächen mit Bürgern, Politikern und Interessensgruppen zum Ausdruck gebracht. Schließlich haben wir uns in persönlichen Briefen an unsere Kanzlerin und unseren Bundespräsidenten gewandt, um der unausgegorenen, ja sogar gefährlichen Energiewende doch noch Einhalt zu gebieten. Die gesellschaftliche Debatte schien bereits final beendet, aber noch nicht einmal ein halbes Jahr später mehren sich die Zweifel an der Durchsetzbarkeit des Ausstiegsfahrplans. Als Frage sei erlaubt: Wohin müssen erst die Energiepreise und die Instabilitäten der Stromnetze steigen, bis wieder technische Vernunft einkehrt?
Seit Jahrzehnten ist Deutschland das Herzstück der europäischen Energieerzeugung und bürgte immer für eine verlässliche Versorgung auch über unsere Landesgrenzen hinaus. Nicht zuletzt ist Deutschland immer noch eine treibende Kraft in der Kernforschung und der nuklearen Sicherheit in ganz Europa und weltweit. Die Expertise der deutschen Kerntechniker sichert unserem Land Mitsprache und Einfluss in allen Fragen der friedlichen Nutzung der Kernenergie in Gremien und bei internationalen Peer-Review-Verfahren. Dies dient damit letztlich auch der Sicherheit in unserem Land. Und diese Kompetenz muss auch über den beschlossenen Ausstieg hinaus erhalten bleiben.
Eines ist klar: Die Ereignisse von Fukushima erfordern eine gewissenhafte Aufarbeitung. Wo "Lessons learned" aus Fukushima möglich sind, müssen sie implementiert werden, in Deutschland und anderswo. Dafür steht die Sicherheitskultur unserer Branche und in diesem Sinne erfolgt die Sicherheitsüberprüfung kerntechnischer Anlagen in Europa und in anderen Ländern, die Kernenergie nutzen. In den meisten dieser Länder – gerade auch in unserer Nachbarschaft – hält man an der Kernenergie langfristig fest. Diese Tatsache darf nach dem deutschen Beschluss zum beschleunigten Ausstieg nicht ausgeblendet werden.
Die europäische Dimension gewinnt in der Energiepolitik insgesamt zunehmend an Gewicht: Die EU-Endlagerrichtlinie, die europäischen Stresstests, die Erarbeitung einer neuen Richtlinie zur nuklearen Sicherheit und vor allem das geplante Programm zur Vollendung des Binnenmarktes im Energiesektor bis 2014 machen den wachsenden Einfluss der EU auf die Energiewirtschaft deutlich. Ein wesentlicher Bestandteil der europäischen Energiepolitik ist und bleibt die Nutzung der Kernenergie im langfristig kohlenstoffarmen Energiemix. Mit dem beschleunigten Ausstieg aus der Kernenergie werden in Deutschland aber nicht nur die Regenerativen ausgebaut, sondern gleichzeitig wachsen in großem Umfang die Gasimporte mit entsprechend einhergehendem CO2-Ausstoß. Doch davon spricht fast keiner.
Die internationale Orientierung bietet aber auch eine große Chance für deutsche Kerntechniker: In der Erzeugung spielt der intensive weltweite Austausch über die Verbesserung der Kraftwerkssicherheit eine wichtige Rolle. Und gerade die Hersteller und die Dienstleister in Deutschland gehören zu den Besten und sind hervorragend positioniert, um weltweit ihre Kompetenz in Kernenergieprojekte erfolgreich einzubringen. Drum hat Kerntechnik "Made in Germany" Zukunft!
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